Raphael DALLAPORTA / Alix DELMAS

von 22.04.2010 bis 05.06.2010

Raphael Dallaporta: Domestic slavery, Installationsansicht, Fotohof 2010
 

Raphaёl Dallaportas fotografisches Werk widmet sich einer neuartigen Form der dokumentarischen Reportage, mit dem Fokus auf soziale Realitäten und humanitäre Missstände unserer Zeit. Im Fotohof sind die beiden  Serien  Antipersonnel und Domestic Slavery zu sehen.

Dallaporta versteht sich als Zeitzeuge, der mit seinen Fotoarbeiten die soziale Realität unserer Gesellschaft und deren Missstände sichtbar macht. Er studierte an der Pariser Film- und Medienschule „Ecole des Gobelins“. 2002 erhielt er ein einjähriges Aufenthaltsstipendium im italienischen Medienlabor „Fabrica“,  in Manera bei Venedig, gegründet vom italienischen Fotografen Oliviero Toscani. Die inhaltliche Zielsetzung dieser privaten Medienakademie - sich innovativ sozialen Themen in Zusammenhang mit ökonomischen und gesellschaftlichen Faktoren zu widmen – hat Dallaporta in der Entwicklung seiner persönlichen Arbeit mehr als deutlich geprägt.

In langen Recherchen tastet er sich an seine Themen heran und vor so gelang es ihm vor wenigen Jahren, insbesondere mit seiner Fotoserie "Antipersonnel" über Landminen und Streubomben Anerkennung zu erlangen. Durch ein persönliches Treffen und Gespräche mit Minenräumen die 1998 in Bosnien arbeiteten, begann er zu diesem brisanten gesellschaftlichen Thema zu recherchieren. Zwei Jahre lang benötigte er, um das französische Militär von seiner Arbeit zu überzeugen, ihn bei seinem Projekt zu unterstützen und ihm Zugang zu dieser außergewöhnlichen internationalen Kollektion von Landminen und Streubomben zu gewähren.

Dallaporta fotografierte Minen und Streubomben wie stilisierte Schmuckstücke oder Parfumflacons in ihrer Originalgrösse - 1:1 - durch den beigefügten Bildtext erwecken diese optisch verführerischen Fotografien gleichermaßen  Faszination und Abscheu zugleich.
„Die Arbeit mit den Minenräumern, hat mir gezeigt, dass die Minen nicht nur ein humanitäres Problem darstellen, sondern auch ein politisches, wirtschaftliches und ökologisches“, sagt Dallaporta.  „Das Hauptproblem ist also der Gegenstand der Mine an sich, der viele Opfer fordert.“
Seine Fotos zeigen keine Emotionen, agieren nicht auf der Gefühlsebene, lassen dem Betrachter vielmehr die Freiheit und stoßen ihn an, selbst über das Abgebildete nachzudenken. Und sie erinnern uns in diesem Fall an dieses perfide börsengestützte Geschäftsmodell, das letzten Endes immer noch tausende von Menschen in aller Welt tötet oder schwer verletzt.

In "Domestic slavery" befasst sich Dallaporta mit Formen moderner Sklaverei in Frankreich - meist Schicksale von afrikanischen Migranten, die von französischen Familien unter menschenunwürdigen Umständen jahrelang wie  Leibeigene gehalten wurden.
Dallaporta zeigt uns professionelle, kühle Architekturaufnahmen, die mehr oder wenige ästhetische Außenfassaden dieser Orte zeigen.  Erst durch den Begleittext erfahren wir die Fakten seiner in Kooperation mit dem Journalisten Ondine Millot entstandenen, peniblen Recherche zu den jeweiligen Opfern und erfahren, was sich mit Elsa, Legba, Aina, Diane, Diouma, Bernadette, Henriette hinter diesen kühlen Fassaden zugetragen hat.

Wieder wandelt sich das stille, ruhige und scheinbar harmlose Bild in ein verstörendes Szenario des grausamen Umgangs mit der Menschenwürde und lässt uns mehr als nachdenklich zurück. Dallaporta verwendet die Kamera nicht um ein Ereignis festzuhalten, sein Terrain ist die Folgezeit; damit begibt er sich auf eine Reflexionsebene. „Ich verhalte mich wie ein Fernsehreporter, der zum Ort eines tragischen Ereignisses fahren und "Human interest" Geschichten produzieren - sie sind am Ort, aber es ist nichts zu sehen!“


Biographien & Links:
Raphaёl Dallaporta, *1980 in Dourdan (F), lebt und arbeitet in Paris.
http://www.raphaeldallaporta.com
http://www.domesticslavery.com/Domestic Slavery.pdf
http://www.landmine.de


Alix Delmas vereint ihre Fotoserien Sisters und  Bacchanales unter dem Titel Faces over surfaces im Fotohof. 

 

In der Serie Sisters schwimmen Gelatinesilberprints (kolorierte Filme für Theater- und Kinoprojektoren)  auf der Oberfläche eines sommerlichen Schwimmbeckens.  Der Projektor ist die Sonne.  Der Schatten des Gelatinblattes am Boden des Schwimmbeckens strahlt und spiegelt intensiver als das Original.  Die Anordnung zeigt, dass  « …die unten liegende Welt » – das projizierte Bild, das Ungreifbare – so untrennbar mit der « oben liegenden Welt » - der Materie, dem Greifbaren – verbunden ist wie zwei Schwestern und symbolisiert den Tod als Schwelle zwischen den beiden Welten.
Bacchanales, eine Serie aus vier Fotografien, in Anlehnung an die vier Jahreszeiten, zeigt eine stille, nächtliche Runde mit herumwandernden Riesenbeinen. Im Licht von Autoscheinwerfern wechselt der Farbton der vier Bilder von einem gesättigten Zustand bis nahe ans Schwarzweiß. In den Bacchanales spielt sich das Erzählte außerhalb des Blickfelds ab und lässt damit Raum für Interpretation, es geht hier um die Frage nach den Umkehrungen der Proportionen, Maßstäbe, Landschaften, Figuren.

Delmas stellt ihren eigenen Körper in Beziehung zur sie umgebenden Welt und erforscht seine Grenzen. Mit dem Verlassen des White Cube entkommt Delmas  den herkömmlichen Methoden der Kunstproduktion. Wie Gebäude einen Ort prägen oder strukturieren empfindet Delmas mit dem Körper nach, indem sie ihn als skulpturalen Verweis in ein Environment positioniert. Innen- und Außenräume werden im Hinblick auf eine menschliche Dimension wahrnehmbar, vice versa dazu wird der menschliche Körper als raumgreifendes, strukturierendes Element aufgefasst.

Die Auswahl, der im Fotohof gezeigten Fotografien steht im Zusammenhang mit der Außenarbeit Come back tomorrow , die letzten Oktober von der Stiftung Leube in St. Leonhard realisiert wurde.
Come back tomorrow , eine  violette Skulptur-Plattform in 1,70 Meter Höhe - von Baumstämmen durchdrungen - ist eine Einladung an den Spaziergänger, näher zu kommen und sich auf ein Podest zu stellen.  Der Betrachter schwebt gleichsam in einem Panorama.  
Wir bieten einen kostenlosen Busshuttle am Eröffnungstag in den Skulpturenpark von Leube bei St. Leonhard an.  Anmeldung bitte per e-mail  - fotohof@fotohof.at  oder telefonisch +43 662-849296.  Abfahrt beim Fotohof um 17.00 Uhr, Rückfahrt um ca. 18.30 zur Eröffnung  in die Galerie Fotohof.

Wir danken der Firma LEUBE für die Kooperation.

Alix Delmas, *1962 in Bayonne (F), lebt und arbeitet in Paris. www.alixdelmas.com

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